Von der Wahrnehmung zur Kunst
Die Übersetzung unsichtbarer Reize
Ein Duft entzieht sich dem Auge. Für uns besitzt er weder eine sichtbare Form noch eine eigene Farbe. Dennoch sprechen wir absolut selbstverständlich von „grünem“ Vetiver, „dunklem“ Oud oder einem „kantigen“ Drydown. Beim Riechen verbinden wir Düfte oft ganz selbstverständlich mit Farbtönen, Formen oder Oberflächentexturen.
Beim Arbeiten im Atelier bilde ich exakt diesen Prozess ab: die faszinierende Fähigkeit unseres Gehirns, einen olfaktorischen Reiz in eine sichtbare und greifbare Form zu übersetzen.
Doch was passiert dabei in unserem Kopf?
Der Geruchssinn nimmt eine anatomische Ausnahmestellung ein. Anders als bei den anderen klassischen Sinnessystemen erreichen olfaktorische Signale die primären olfaktorischen Hirnareale ohne vorgeschaltete thalamische Relaisstation. Dabei bestehen besonders enge anatomische Verbindungen zu Regionen, die an Emotion und Gedächtnis beteiligt sind, darunter Amygdala und entorhinaler Cortex. Diese besondere Verschaltung trägt dazu bei, dass uns ein Duft unmittelbar und emotional treffen kann.
Gut belegt ist zudem die enge Verbindung zwischen Geruch und episodischer Erinnerung. Düfte können besonders lebhafte, emotional gefärbte autobiografische Erinnerungen auslösen. Deshalb lässt ein Duftakkord innerhalb von Sekunden einen vergangenen Sommer, einen bestimmten Menschen oder einen vertrauten Ort wieder auftauchen.
Warum bekommt ein Geruch eine Farbe?
Hier kommen sogenannte crossmodale Korrespondenzen ins Spiel. Damit bezeichnet die Wahrnehmungsforschung systematische Verbindungen zwischen Eigenschaften verschiedener Sinnesbereiche. Gerüche und Farben ordnet unser Gehirn oft nach erkennbaren Mustern einander zu. In zahlreichen Studien wählten Versuchspersonen bei bestimmten Gerüchen bestimmte Farben auffällig häufig. Solche Geruchs-Farb-Verbindungen sind inzwischen gut dokumentiert.
Auch Beziehungen zu anderen Wahrnehmungsdimensionen wurden untersucht. Gerüche wirken auf uns mitunter rund oder kantig. Sie verbinden sich mit helleren oder dunkleren visuellen Eindrücken. In Experimenten ließen sich sogar Zusammenhänge zwischen Gerüchen und der Vorstellung glatter oder rauer Texturen nachweisen. Solche Zuordnungen folgen zwar statistisch erkennbaren Tendenzen, unterscheiden sich jedoch von Mensch zu Mensch.
Woher kommen diese Verbindungen?
Dafür existieren mehrere Erklärungsansätze, die sich ergänzen können:
Ein Teil entsteht vermutlich durch Erfahrung. Zitronenduft und die Farbe Gelb begegnen uns in der Welt regelmäßig gemeinsam.
Andere Zuordnungen hängen stark mit Bedeutung und Sprache zusammen.
Auch emotionale Ähnlichkeiten spielen eine große Rolle. Wenn ein Duft und eine Farbe gleichermaßen als leicht, frisch oder angenehm empfunden werden, verbinden sie sich dadurch eng miteinander.
Neuere Untersuchungen deuten außerdem darauf hin, dass gewisse physikalisch-chemische Eigenschaften von Geruchsstoffen einen kleinen Teil solcher Zuordnungen vorhersagbar machen könnten. Wahrnehmung, Erfahrung, Kontext und Lernen bleiben dabei die wichtigsten Einflussgrößen. Eine allgemeingültige Übersetzungstabelle nach dem Schema „Vetiver ist grün und Oud ist dunkel“ gibt es nicht – für die Kunst ist gerade diese Freiheit überaus wertvoll.
Ist das Synästhesie?
An dieser Stelle fällt schnell der Begriff Synästhesie. Im Alltag findet er oft für jedwede Verbindung zwischen unterschiedlichen Sinnen Verwendung. Wissenschaftlich ist Synästhesie deutlich enger gefasst. Bei einer klassischen Synästhesie löst ein bestimmter Reiz automatisch und wiederkehrend eine zusätzliche Wahrnehmung aus. Für jemanden mit Graphem-Farb-Synästhesie ist beispielsweise ein bestimmter Buchstabe zuverlässig mit einer ganz spezifischen Farbe verbunden.
Crossmodale Korrespondenzen sind dagegen weit verbreitet und gehören zur alltäglichen menschlichen Wahrnehmung. Die Forschung zu Geruchs-Farb-Zuordnungen weist ausdrücklich darauf hin, diese alltäglichen Verbindungen lange vorschnell als Form der Synästhesie betrachtet zu haben.
Für Inspired by Scent ist diese Unterscheidung essenziell. Mich interessiert vor allem die alltägliche, jedem von uns zugängliche Fähigkeit unserer Wahrnehmung, zwischen Sinnesbereichen solche faszinierenden Verbindungen herzustellen.
Von der Wahrnehmungsforschung ins Filzatelier
Genau hier beginnt meine künstlerische Übersetzung. Wenn ein Parfum auf mich kühl, dunkel, durchscheinend oder rau wirkt, suche ich nach Materialien, die diese Empfindung sichtbar und geradezu spürbar machen. Wolle und textile Fasern sind dafür besonders reizvoll. Sie besitzen ganz von selbst Oberfläche, Volumen und Tiefe. Sie können Licht schlucken oder reflektieren, kompakt oder durchscheinend wirken, weich fließen oder ein deutliches Relief bilden.
Dabei vertraue ich vollkommen auf meine gestalterische Freiheit. Gerade weil diese Wahrnehmungsverbindungen individuell verschieden sind, bleibt viel Raum für persönliche Intuition.
Inspired by Scent entdecken:
Als Textilkünstlerin übersetze ich in meiner Kollektion Inspired by Scent die Wahrnehmung von Parfums in Farbe und Textur. Hier schreibe ich über die Verbindung von Duft und Kunst, sinnliche Materialien und Geschichten, die Parfums in sich tragen.