Filzen – ist das Kunst oder kann das weg?

Filzbilderausstellung im Wasserturm Wien

Meine allererste Ausstellung im Wasserturm, Wien, 2016

Warum dieses Thema?

Vor Jahren, auf einer meiner ersten Ausstellungen, blieb jemand vor meinen Filzgemälden stehen, runzelte die Stirn und sagte kritisch: „Filzen… Ist das eigentlich Kunst oder kann das weg?“
Heute schmunzle ich milde darüber. Damals war mir nicht zum Lachen.
Es ist ein Statement, das Filzkünstlerinnen und -künstler immer wieder hören, und das ich heute mal näher beleuchten möchte.

Denn hinter dieser harmlosen Frage steckt mehr, als man auf den ersten Blick vermuten würde.

Ja, ich bin Filzkünstlerin

Ja, ich arbeite mit Wolle.

Ja, es braucht die merkwürdigen Zutaten Wasser und Seife, und eine Menge Geduld.

Und am Ende entstehen magische Werke, die genau das ausdrücken, was mich und meine Sammlerinnen und Sammler bewegt: Fantasie, Schönheit, Naturverbundenheit

„Breaking Grid“, Filz auf Akustikplatte, 2026

Aber warum wird Filzen so oft unterschätzt?

Und warum ist es in Wahrheit eine der faszinierendsten Kunstformen, die es gibt?

Filzen – vergessener Schatz oder altbackenes Handwerk?

Filzen ist wahrscheinlich die älteste Textiltechnik der Welt. Schon vor Jahrtausenden haben Menschen aus Wolle nützliche und kunstvolle Dinge erschaffen – von warmen Kleidungsstücken bis hin zu zeremoniellen Wandbehängen.

Doch irgendwo auf dem Weg wurde Filz in die „Bastelecke“ verbannt. Plötzlich war es nur noch eine Beschäftigung für Kinder, die nach Kartoffeldruck und Makramee klang.

Kunst? Fehlanzeige.

Aber warum eigentlich? Ist Filzen wirklich so viel anders als Malerei oder Bildhauerei? Nur weil mit Wollfasern gearbeitet wird, anstatt mit Leinwand und Farbe?

Warum Filzen eine echte Kunstform ist

Wenn ich meine Filzgemälde kreiere, ist das ein Prozess, der Intuition, Ausdauer und tiefe Materialkenntnis erfordert.

Emotion und Ausdruck

Filzkünstlerin Susanne Weber bei der Arbeit

Filzen ist für mich wie Malen – nur mit Fasern statt Farbe. Die Art, wie sich Wolle verbindet, wie Licht und Schatten entstehen, wie Strukturen greifbar werden – all das macht jedes Werk lebendig.

Nicht nur die Augen freuen sich, auch die Hände dürfen etwas erforschen.

Technik und Wissen

Viele Menschen glauben, Filzen sei einfach.

Ja und nein.

Wenn die Grundeigenschaften beachtet werden, die zum Verfilzen führen, verzeiht das Material vieles.

Aber hinter jedem Werk steckt eine komplexe Technik, und nichts ist zu 100% planbar.

„Clean“ Detail, aus der Serie „Sea Glass: CLEAN. CLEAR. CUT.“, 2025

Doch wenn etwas nicht wie geplant läuft, ist das oft ein glücklicher Zufall. Durch Improvisieren und Umdenken entstehen manchmal die eindrucksvollsten Werke.

Individualität

Jedes meiner Werke ist ein Unikat. Kein Filzgemälde kann jemals genau reproduziert werden – die Wolle, das Wasser, die eigene Handführung erschaffen immer etwas Neues. Es ist ein Dialog mit dem Material.

Und ich habe ehrlich gesagt auch gar keine Lust, etwas zu reproduzieren.

Nachhaltigkeit und Naturverbundenheit: Warum Filzen in unsere Zeit passt

Hast du auch das Gefühl, dass dein Leben immer schneller dahinrast und dass du nur mehr von künstlichen Produkten umgeben bist?

Meine Filzgemälde vermitteln das Gegenteil.

Filzen ist ein langsamer, meditativer Prozess. Man kann nichts „mal schnell digitalisieren". Es ist eine Kunstform, die Ruhe, Geduld und Einfühlungsvermögen erfordert. Die Wolle spricht, wenn man zuhört.

Und genau das fließt in die Werke ein.

Frelsi – Freedom, Filzgemälde aus rohem Islandvlies, 2018

Dazu kommt:

Wolle ist ein reines Naturmaterial, sie wächst nach und ist biologisch abbaubar.

Filz absorbiert Schall, reinigt die Luft und sorgt für ein angenehmes Raumklima.

Blogartikel zu diesem Thema sind unten verlinkt.

Blick über den Tellerrand: Da sieht die Welt anders aus.

Während man im deutschsprachigen Raum noch mühsam gegen das Label „Handarbeit" ankämpft, haben andere Kulturräume die Faser als gleichberechtigtes Medium der Abstraktion und Bildhauerei längst etabliert.

Die Vorreiterrolle des anglo-amerikanischen Raums

In den USA und Großbritannien genießt die sogenannte Fiber Art bereits seit den 1960er-Jahren eine ganz andere akademische Anerkennung.

Museen wie das MoMA in New York oder die Tate Modern in London zeigen textile Werke regelmäßig in einem Kontext, der die Materialität als konzeptionelle Entscheidung feiert. Die wegweisende Einzelausstellung von Anni Albers im MoMA – bereits 1949! – setzte dort einen Standard, der im deutschsprachigen Raum erst Jahrzehnte später und oft zaghaft nachvollzogen wurde.

Auch begrifflich macht es einen Unterschied: „Fiber Art" klingt im Englischen weitaus weniger belastet als „Textilkunst" oder gar „Kunstgewerbe" im Deutschen. Er betont das Material und die Struktur, statt Assoziationen zum häuslichen oder rein dekorativen Bereich zu wecken.

Das Erbe der Akademien

In Deutschland, Österreich und der Schweiz ist die Trennung zwischen „freier" und „angewandter" Kunst historisch extrem starr. Lange Zeit galt alles Textile als Domäne der Kunstgewerbeschulen, während die Kunstakademien sich auf Ölmalerei und Bildhauerei konzentrierten. Diese institutionelle Trennung hat das Wissen über die tiefgehende Ästhetik textiler Verfahren in der breiten Masse eher schrumpfen lassen.

Da textile Techniken aus vielen Lehrplänen verschwunden sind, fehlt oft das Vokabular, um die Komplexität und den intellektuellen Gehalt eines Werkes aus Wolle oder Fäden zu erfassen. Es bleibt bei der oberflächlichen Bewunderung des Fleißes – „Das muss viel Arbeit gewesen sein!" – statt die künstlerische Aussage zu diskutieren.

Globale Markt- und Kuratentrends

International beobachten wir derzeit ein massives Comeback der Textilkunst bei großen Biennalen – etwa in Venedig oder São Paulo. Künstler wie El Anatsui oder Sheila Hicks erzielen auf dem globalen Markt Höchstpreise und werden als absolute Schwergewichte der Gegenwartskunst gehandelt. Dieser Trend sickert in den deutschsprachigen Raum nur langsam ein, meist getrieben durch internationale Wanderausstellungen.

Die sprachliche Barriere: Wenn Begriffe die Kunst abwerten

Die deutsche Sprache legt der Textilkunst Steine in den Weg, die im Englischen gar nicht existieren. Das Wort „Filzen" trägt eine schwere, oft negative Last – man denkt an polizeiliche Durchsuchungen oder an das unentwirrbare Chaos einer „Verfilzung".

Im englischen Sprachraum hingegen schwingt in „Felt" sofort die Ebene des Empfindens und der tiefen Berührung mit. Diese Verbindung zum Fühlen verleiht dem Material eine unmittelbare emotionale Würde.

Ähnlich belastet ist das „Spinnen": In unserem Sprachgebrauch wird es oft mit Wahnsinn oder wirren Gedanken gleichgesetzt. Im Englischen wird „Spinning" weitaus positiver mit Dynamik, Schöpfungskraft und dem kunstvollen Verweben von Geschichten assoziiert.

Diese sprachlichen Nuancen prägen unterbewusst, wie viel Respekt einer Kunstform entgegengebracht wird.

Fazit

Filkünstlerin Susanne Weber bei einer Ausstellung

Ausstellung a STAR is born, KreativRaum Galerie 2024

Tja, was meinst du jetzt? Kunst oder nicht?

Ich hoffe, ich habe dich überzeugt: Filzen ist eine Kunstform mit Seele – und mit einer langen, komplexen Geschichte, die weit über die Bastelecke hinausgeht. Eine Kunst, die international längst angekommen ist. Eine Kunst, die berührt, die Fantasie entfacht und unsere Verbindung zur Natur auf eine besondere Weise widerspiegelt.

Also nein – Filzkunst kann nicht weg.

  • Sie bleibt.

  • Sie wächst.

  • Sie fasziniert.

Und wenn du jetzt Lust bekommen hast, Filzkunst mit neuen Augen zu sehen, dann lade ich dich ein: Entdecke alle verfügbaren Unikate, genieße die Vielfalt und nimm gerne Kontakt auf.

Portraitbilde der Filzkünstlerin Susanne Weber

Susanne Weber ist Expertin für gefilzte Gemälde und erzählt als „Filzbotschafterin“ gerne von dieser nachhaltigen Kunst.

Zurück
Zurück

Motivationsbilder: So können sie deine Welt verändern

Weiter
Weiter

Kunst fürs Büro: Stresskiller am Arbeitsplatz