Braucht eine Ausstellung eine Entschuldigung?
Was eine Vernissage über Textilkunst verrät
Ende April stand ich im Unteren Belvedere bei der Eröffnung der Ausstellung „Anni Albers. Constructing Textiles“ – und hatte dabei ein Gefühl, das ich nur als produktives Unbehagen beschreiben kann.
Rundum großartige Kunst. Kluge, engagierte Kuratorinnen. Ein Haus, das einer Textilkünstlerin die Bühne gibt, die sie verdient. Und trotzdem blieb bei mir ein Satz hängen, den ich so oder ähnlich mehrmals gehört habe:
„Man bezeichnet Anni Albers gern als Textilkünstlerin. Aber das würde die Bedeutung ihres Werkes einschränken."
Das klang wie ein Kompliment, eine Würdigung. Und ich glaube auch, dass es tatsächlich so gemeint war. Trotzdem möchte ich heute genau diesen Satz unter die Lupe nehmen. Denn er sagt mehr über uns als über Anni Albers.
Das Paradox einer Vernissage
Stell dir vor, einem Maler wird eine große Retrospektive ausgerichtet, zum ersten Mal überhaupt in Österreich, in einem der renommiertesten Museen des Landes. Und in den Eröffnungsreden wird immer wieder betont: Zum Glück hat er ja nicht NUR gemalt. Er hat auch gezeichnet, druckgrafisch gearbeitet, designt, theoretische Texte verfasst. Erst dadurch wird er wirklich interessant.
Klingt seltsam? Genau das ist gestern passiert – nur eben mit Textilkunst statt Malerei.
Das Belvedere zeigt Anni Albers (1899–1994) in einer umfassenden Einzelausstellung. Wenn Kuratorin Brenda Danilowitz von der Josef and Anni Albers Foundation in ihrer Rede betont, dass Albers „eine bemerkenswerte Denkerin" war und dass „heute, wo die Kluft zwischen Kunst und Handwerk immer geringer wird, ihr Einfluss noch größer" sei (Salzburger Nachrichten, 1. Mai 2026), ist das ein schöner Satz. Er zeigt aber auch: früher war diese Kluft noch größer und hat Albers kleiner gemacht, als sie war.
Sie selbst hat das auf den Punkt gebracht: „Wenn ein Werk aus Fäden gemacht ist, hält man es für Handwerk; wenn es auf Papier ist, gilt es als Kunst.“
Auf Wikipedia findet sich sinngemäß ein Zitat, das dieses Denken noch deutlicher auf den Punkt bringt: Wenn sie nicht mit Fäden, sondern gleich am Papier gearbeitet hätte – wer weiß, wie viel berühmter sie noch wäre.
Wer weiß.
Als ob das Medium Textil sie gebremst hätte. Als ob es eine Art Handicap wäre, mit Wolle statt mit Ölfarbe zu arbeiten.
Gottfried Semper bezeichnete 1860 in Der Stil in den technischen und tektonischen Künsten die textile Kunst als „Urkunst“ und sprach ihr den Vorrang vor anderen Künsten zu.. Textilgestaltung ist bei ihm also nicht Beiwerk, sondern ein ursprünglicher Ausgangspunkt von Gestaltung. Diese Sichtweise hat sich bis heute allerdings noch nicht wirklich durchgesetzt.
Frauen in der Weberei: Wahl oder Zuweisung?
Hier wird es historisch … Und unbequem.
Am Bauhaus, wo Anni Albers ab 1922 studierte, galt offiziell das Prinzip der Gleichberechtigung. Gründer Walter Gropius ließ plakatieren: „Keine Rücksicht auf Damen, absolute Gleichberechtigung." Klingt fortschrittlich. War es in der Praxis aber nicht.
Denn trotz dieses Versprechens bekamen Frauen am Bauhaus nur in einem einzigen Bereich wirklich eine Chance: der Weberei. Die wurde intern auch als „Frauenabteilung" bezeichnet. Während Männer Werkstätten für Metall, Tischlerei, Wandmalerei oder Bühne wählen konnten – kurz: die ganze Breite der modernen Gestaltung –, wurden Frauen wie Anni Albers oder Gertrud Arndt systematisch in die Webklasse abgedrängt.
Anni Albers selbst war darüber alles andere als begeistert. Ihr O-Ton: „Weben hielt ich für zu weibisch." Sie landete in der Weberei nicht aus Leidenschaft, sondern weil ihr an ihrem eigentlichen Wunschort, der Glaswerkstatt, die Tür vor der Nase zugeschlagen wurde.
Und trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, hat sie aus diesem ursprünglich aufgezwungenen Studium etwas Außergewöhnliches gemacht. Ihr Bauhaus-Diplom erhielt sie für eine „lichtreflektierende, schallschluckende Wandverkleidung" für eine Aula — eine zutiefst architektonische, funktionale Arbeit. Ein Beitrag zur Baukunst. Mit Fäden.
Das Original-Diplom von Anni Albers, ausgestellt im Februar 1930.
In den Eröffnungsreden gestern Abend wurde diese Frage aufgeworfen: Wie viele der Frauen, die in der Bauhausweberei arbeiteten, haben das wirklich gewählt? Und wie viele wurden dorthin geschickt, weil das die einzige Werkstatt war, die ihnen offenstand?
Ich finde, das ist eine berechtigt unbequeme Frage. Denn wenn Frauen in einen bestimmten Bereich gedrängt werden – in diesem Fall: Textil – und dieser Bereich dann außerdem als weniger wertvoll gilt als die „echte" Kunst der Männer, dann reden wir von einer doppelten Abwertung. Erst die Person, dann das Werk.
Genau deshalb gehört beides zusammen: die Frage, warum Textilkunst historisch weiblich kodiert wurde, und die Frage, warum sie deshalb weniger Prestige genießt.
Die bitterste Ironie: Das Bauhaus hat es selbst versprochen
Und hier liegt die vielleicht schärfste Pointe der ganzen Geschichte. Denn das Bauhaus war mit dem expliziten Ziel gegründet worden, genau diese Hierarchie abzuschaffen: die Trennung zwischen „hoher" bildender Kunst und „niederem" Handwerk. Walter Gropius wollte, dass Weber ebenso Künstler sind wie Maler. Dass das Material keine Rangordnung bestimmt. Dass Form, Funktion und Ästhetik gleichwertig sind.
Das war 1919 wirklich revolutionär. Die Kunstakademien der Zeit trennten streng zwischen den beiden Welten: Handwerk war Handwerk, Kunst war Kunst, und wer in die eine Welt gehörte, hatte in der anderen nichts verloren.
Das Bauhaus wollte diese Mauer einreißen. Und ausgerechnet dort, in dieser Institution des großen Versprechens, wurden Frauen in die Weberei gedrängt. Ausgerechnet das Textile, das Handwerkliche, blieb das Weibliche. Und das Weibliche blieb das Niedrigere.
Das Revolutionsprogramm hat seine eigene Revolution nicht zu Ende gedacht.
Heute, fast hundert Jahre später, wird eine Textilkünstlerin im Belvedere gezeigt, und man erklärt dem Publikum unbewusst, dass sie ja auch „richtige" Kunst gemacht hat.
Und das ist kein Einzelfall, keine historische Kuriosität. Einen Tag später habe ich im MAK die Ausstellung der österreichischen Textilkünstlerin Ursi Fürtler besucht, und im Ausstellungstext steht es fast wortgleich: Als Frau habe ihr das feminin konnotierte Medium Textil die Chance geboten, mit ihren gestalterischen Fähigkeiten ein Einkommen zu erzielen. Nicht: Sie hat Textil gewählt. Sondern: Textil war der Spalt, durch den sie schlüpfen durfte. Eine Generation später, andere Künstlerin, andere Umstände. Dasselbe Muster.
Die Idee des Bauhauses lebt. Aber sie wartet noch immer darauf, wirklich anzukommen.
Die Ausstellung selbst: großartig
Die Ausstellung im Unteren Belvedere ist beeindruckend. Anni Albers' Werk ist dort in seiner ganzen Breite zu sehen – von den frühen Materialstudien am Bauhaus über großformatige Raumteiler und Architekturtextilien bis hin zu ihren Bildwebereien und Druckgrafiken der späten Jahre. Man versteht, dass das Weben für Albers „ein konstruktiver Akt" gewesen ist: ein Bauen mit Fäden, bei dem Form, Funktion und Ästhetik nicht voneinander zu trennen sind.
Und das Belvedere, eines der bedeutendsten Häuser Österreichs, das 2025 erstmals die Zwei-Millionen-Besucher-Marke überschritten hat, gibt dieser Textilkünstlerin den Raum, den sie verdient. Das ist nicht selbstverständlich. Das ist gut.
Und trotzdem: Wenn in den Eröffnungsreden immer wieder darauf hingewiesen wird, dass sie ja auch Drucke gemacht hat, ja auch Architekturprojekte, ja auch theoretische Schriften – dann frage ich mich: Braucht eine Einzelausstellung eine Entschuldigung?
Grenzen auflösen – ein bekanntes Spiel
Hier komme ich zu dem Punkt, der mich persönlich am meisten beschäftigt.
Ich „male“ mit Wolle. Die Reaktion, die ich am häufigsten höre, wenn Menschen meine Filzgemälde zum ersten Mal sehen, ist nicht: „Oh, toll, ein Textilwerk." Die Reaktion ist: „Das sieht ja aus wie gemalt!"
Gemeint ist das als Kompliment. Ich freue mich auch darüber, denn das ist bei vielen Motiven meine Intention. Und gleichzeitig merke ich jedes Mal: Der Vergleich mit der Malerei soll die Arbeit aufwerten. Als ob Filz alleine nicht reichen würde.
Ich hatte das Glück, mit meinen Filzgemälden bereits in Ausstellungen vertreten zu sein, die keine Textilausstellungen waren. Wo meine Werke neben Ölgemälden und Drucken hingen, ohne dass jemand gefragt hat, ob das denn „wirklich" Kunst sei. Das war schön. Das war richtig. Und gleichzeitig erzählt es dieselbe Geschichte: Textilkunst wird dort akzeptiert, wo sie sich von Textilkunst distanziert. Oder zumindest: wo jemand erklärt, dass sie eigentlich mehr ist als das.
Anni Albers hat diese Grenze zwischen angewandter und bildender Kunst ihr ganzes Leben lang hinterfragt. 1949 war sie die erste Textilkünstlerin, die im Museum of Modern Art in New York ausgestellt wurde. Das war revolutionär. Und trotzdem musste diese Revolution immer wieder neu erklärt werden.
Was wäre, wenn wir einfach aufhörten zu erklären?
Ich stelle mir vor, was passieren würde, wenn wir bei der nächsten Vernissage – für eine Webkünstlerin, eine Filzkünstlerin, eine Stickerin – einfach nichts erklären würden. Keine Einschränkungen, keine Erweiterungen, kein „aber sie hat ja auch...". Nur: Hier ist das Werk. Es ist bedeutend. Schau es an.
Würde es jemand verstehen? Würde jemand etwas vermissen?
Ich glaube, der Moment, in dem Textilkunst wirklich angekommen ist, ist nicht der Moment, in dem ein großes Museum eine Textilkünstlerin zeigt. Es ist der Moment, in dem niemand mehr das Bedürfnis verspürt zu sagen, sie sei ja nicht NUR eine Textilkünstlerin gewesen.
Anni Albers war eine der bedeutendsten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts. Sie hat mit Fäden gearbeitet. Das ist keine Einschränkung. Das ist ihr Werk.
Hingehen! Wirklich.
Die Ausstellung Anni Albers. Constructing Textiles ist noch bis 16. August 2026 im Unteren Belvedere, Rennweg 6, zu sehen. Täglich von 10 bis 18 Uhr. Es gibt auch einen sehr empfehlenswerten Katalog – 248 Seiten, erschienen bei Hatje Cantz, für 50 Euro. Ich hab ihn mir geholt. Nicht um zu sehen, was sie „auch noch" gemacht hat. Sondern um tiefer in das einzutauchen, was sie wirklich war.
Eine Künstlerin. Ohne Einschränkungen.
Zum Weiterlesen:
Susanne Weber ist Expertin für gefilzte Gemälde und erzählt als „Filzbotschafterin“ gerne von dieser nachhaltigen Kunst.